Die Geschichte durch ein Brennglas

Vorrede: Eine Geschichte wie «durch ein Brennglas»

Ich habe die folgende Geschichte geschrieben, weil ich das Leben hinter der offiziellen Geschichte – falls es sie je geben sollte – lebendig machen wollte. Wir müssen wieder ein Gespür für das Echte bekommen, meine ich nämlich. Wir müssen Realität wieder fühlen.

Das geht nur über Imagination und Herz, bin ich überzeugt: Der tiefste Kern unserer Persönlichkeit muss dem begegnen, was sich uns als das Unausweichliche, als das Wirkliche vorstellt. Oft ist eine Erzählung eine wunderbare Brücke an den meist etwas verborgenen Ort, den ich «die Wirklichkeit» nenne.

Das gilt besonders an und für Weihnachten.

Gehen wir zurück, versuchen wir es einmal: «Damals», als die Geburt geschah, von der aus wir sogar die Zeit aller Jahre und auch unsere ganz persönlichen Jahre, ja unsere eigene Geburt zählen, war es eine geschichtliche Zeit äusserster Verdichtung. Auf der ganzen Welt. Länder und höchste Kulturen waren entstanden, und wegweisende Herrschaftsstrukturen hatten sich herausgebildet.

Pharaonendynastien («Söhne der Sonne») waren in Ägypten bereits wieder zur Bedeutungslosigkeit versunken, obwohl sie «unter ihren Füssen», ganz körperlich auf dem Schemel vor ihrem Thron die Namen all der Völker eingraviert hatten, über die sie meinten zu herrschen.

Die chinesischen Kaiser («Sohn des Himmels» war die offizielle Bezeichnung; er sollte Erde und Himmel miteinander in Einklang bringen, also versöhnen) hatten in knallhartes Rechts- und Strafsystem entwickelt, das trotz seiner hohen Kultur sogar eine Philosophie des Krieges und der Lüge beinhaltete. Abertausende wurden damals ganz wörtlich geopfert. Einzig die berühmte Armee von Xian in Zentralchina, schien Menschenopfer beim Tod eines der «grossen Kaiser» dadurch vermieden zu haben, dass man jeden einzelnen Soldaten mit seinen individuellen Gesichtszügen in Ton formet und die Statue dann als Stellvertreterin «beerdigte».

Und lange Jahrhunderte lang hatten sich die persischen Könige als «Scha-in-schah» bezeichnet, als «König der Könige».

Allen – das hatten sie gemeinsam – ging es um die Weltherrschaft.

Xerxes I., Schah von Persien (regierte 486–465 v. Chr.)

Afrikanische, asiatische und native amerikanische Reiche führten dagegen trotz ihres hohen Reichtums anscheinend geopolitisch Randexistenzen, allerdings ebenfalls mit exzessiven Opferkulten, in denen regelmässig Menschen in grosser Zahl geopfert wurden, Kinder meist.

Menschen zu opfern, das war auch ein Kennzeichen der Römer, nur dass ihre Opfer meist in Schlachten und Eroberungen «dargebracht» wurden, und eine Kultur nach der anderen «frasen» sie wie mit eisernem Gebiss:

Zuerst absorbierten sie die antike Hochkultur der Ertrusker, von denen sie sehr viele Errungenschaften übernommen hatten, die man klassischerweise den Römern zuschreibt: die Wagenrennen und Arenen, die Goldschätze, vermutlich die Medizin und Teile der Sprache, allen voran den Königstitel: «rex», Lateinisch für «König» ist eigentlich Ertruskisch.

Kulturell und dann auch militärisch absorbierten die Römer über rund Tausend Jahre hinweg aber auch die griechische Kultur samt Teilen von deren Götterwelt, ihre Geheimbünde und Mysterien, ihre Rhetorik und Philosophie, und vermutlich auch Teil ihrer militärischen Techniken. Man kann sogar davon ausgehen, dass die immensen Eroberungen der griechischen «Lichtgestalt» Alexander des Grossen in gewisser Weise Vorbild für die römischen Expansionspläne waren.

Berühmt wurden die römischen Eroberungen durch die Einnahme des nordafrikanischen Karthago und die für damalige Verhältnisse extrem schnelle Eroberung weiter Teile Europas und des vorderen Orient.

Die bei uns, in unserem Kulturkreise, noch vielgepriesene Römische Republik mit ihrem hohen Ethos («res publica enim res populi», die Republik sei Sache des Volkes, Cicero) war jedoch nur ein Zwischenstadium, an dessen Ende – nach Caesars Eroberungen in Gallien und anderen Teilen Europas – sich ein Imperium entwickelt hatte, das eindeutig den «Kreis der Erde» («orbis terrarum») beherrschen wollte.

Und – als ob es kein Zufall gewesen wäre – setzte sich der erste «Kaiser» Roms, zuerst mit Gewalt gegen den römischen Mitregenten und Ehemann der ägyptischen Noch-Herrscherin Kleopatra durch Dann nahm er selbst die drei Titel «Caesar» (letztlich als tatsächlicher Adoptivsohn des G.J. Caesar eine korrekte Bezeichnung), «Augustus» («der Erhabene», hier wird ein göttlicher Anspruch formuliert) und dann schliesslich «Divinus» («der Göttliche») an.

Zum ersten Mal in der Weltgeschichte, und mit globalem Anspruch, trat der Sohn eines Menschen gleichzeitig als Gott auf. Und es war sein Anspruch, die Welt zu beherrschen.

«Identität und Differenz» möchte ich daher die Weihnachtsgeschichte am liebsten überschreiben: Was für Welten stiessen damals zusammen!

Ich habe hier aber etwas anderes versucht: Ich habe die Geschichte, wie sie sich mir selbst darstellt, in drei sich immer weiter fokussierenden Bildern neu erzählt. Wie durch ein Brennglass, und immer wieder stelle ich die Brennweite neu ein, schärfer, um damit näher zum Eigentlichen zu kommen.

Nicht mit dem Anspruch trete ich hier an, «die eine objektive Wahrheit» zu berichten. Sondern dichterisch, illudierend und eben so «wie es gewesen sein könnte». Zumindest in meinen Augen.

Ich füge hinzu, dass die Fakten, die hier wie zur Illustration genommen werden, weitgehend historisch oder wenigstens historisch interpretierend abgesichert sind. Das darf man schon als nahe der Realität ansehen. Der Rest kann und soll – wie eingangs geschildert – Imagination und Herz sein.

«Wohlan, hier der Bericht…»

Wie es gewesen sein könnte…

Es ist schon eine ganze Weile her. Die Geschichte, die ich heute erzähle, spielt nämlich in einer Zeit, in der es noch Kaiser gab. Eine lange Reihe von Kaisern gab es damals sogar, gute und schlechte, wohltätige und grausame. Und sie regierten hunderte von Jahre lang.

Und der erste und – in seinen eigenen Augen – grösste und «erhabenste» aller Kaiser hatte in den vergangenen Jahrzehnten bevor meine Geschichte beginnt, das grosse Reich, über das er regierte, noch viel grösser gemacht als es vorher schon gewesen war.

Überall hatte er andere Königreiche und ehemals selbständige Länder mit grosser Gewalt und einem enormen Blutzoll an sich gebracht und in das Imperium eingegliedert. Auch das Land, unser Land, in dem wir heute wohnen, war darunter. Der erste Kaiser und seine Nachkommen haben damals einen enormen Schrecken unter uns verbreitet, und unzählige Männer und Frauen und Kinder starben bei seinen Eroberungen.

Dieser erste Kaiser wollte der Grösste von allen Menschen sein, der Höchste über alle Könige auf Erden. Der «Erhabene» war deshalb auch sein Beiname, mit dem er angesprochen werden wollte. Ein Gott sei er, gab er sich den Anschein. Und so wurde er auch verehrt.

Römische Münzen mit dem Kopf des Caesaren

Der Anfang

Als der Kaiser spürte, dass er älter wurde, wollte er eine Summe seiner Werke ziehen: Er wollte wissen, was ihm seine unendlichen Eroberungen an Geld einbringen würde, mit wieviel Steuereinnahmen er in Zukunft würde rechnen könnte, in den ihm noch verbleibenden Jahren.

Sein geheimer Plan war es dabei, seinem eigenen Namen noch Denkmäler zu setzen, kolossale Bauten vor allem, so dass man sich immer würde an ihn erinnern können. Ganze 300 Bauten, sagt man, soll er damals zu seiner Ehre errichtet oder grundlegend saniert haben.

Aber so viele Länder hatte er erobert, dass er nicht wusste, wie viele Menschen ihm nun als Untertanen dienten, und vor allem war ihm unklar, wie viele Steuern sie zu zahlen hätten. Deshalb fasst er einen Plan. Er liess einfach alle Menschen zählen.

Das war aber nicht so einfach: Wenn seine Beamten in der einen Stadt angefangen hatten die Menschen zu zählen und sie dann zur nächsten gingen, so mussten sie damit rechnen, dass dort die ersten Untertanen schon wieder weggelaufen waren, einfach weil sie von den Volkszählern gehört hatten und sich der Steuer entziehen wollten. Im dümmsten Fall hätte den Zählern auch einige – einfach aus Gewohnheit oder weil es ihr Geschäft war – in die nächste Stadt folgen können und wären so zum zweiten Mal gezählt worden, was dann ein ganz falsches Bild der Bevölkerung abgegeben hätte.

Da liess sich der Kaiser einen Trick einfallen: Jede Familie musste an den Ort gehen, aus dem sie stammte, an ihren Heimatort. Und sie mussten dort alle warten, bis die Volkszähler eintreffen würden und sie gezählt und «geschätzt» würden, das heisst bei der Gelegenheit wurde gleich ihre Steuer festgesetzt, die sie dem Kaiser entrichten mussten.

Das Geld, hatte der Kaiser den Eindruck, das Geld gehört sowieso ihm. Deshalb liesse er – und auch alle seine Nachfolger – seinen Kopf auf die Rückseite der Münzen prägen. So wussten auch alle seine Untertanen, wie der Kaiser aussah und dass er den Anspruch, Steuern zu erheben zurecht hatte.

Das entlegene Reich

Alle Menschen mussten sich damals, am Anfang der Kaiserzeit, an ihre Heimatorte begeben, und es traf wirklich alle: Die Armen und Bettler hatten sowieso kein Geld um zu reisen, sie waren an den Orten geblieben, an denen sie ihr armes Leben begonnen hatten. Die Händler und Gelehrten kannten das Reisen von Berufs wegen und begaben sich, nach Bekanntwerden des kaiserlichen Erlasses, an ihre Heimatorte.

Manchmal traf es aber auch Adlige und sogar ehemalige Königsfamilien, die sich dann – mittlerweile durch die grausamen Eroberungen des fremden Kaisers ebenfalls fast verarmt und meist bedeutungslos geworden – an ihren Heimatorten als ganze Sippen versammelten und gemeinsam warteten. Wochenlang warteten sie, bis die Volkszähler und Steuerschätzer eintreffen würden.

Einige dieser Königsfamilien hatten noch vor Jahrhunderten über ganze Länder und viele Völker geherrscht oder sie hatten selbst eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Grossartige Reiche und tiefe eigene Kulturen und Religionen hatten ihre Geschichte geprägt, aber oft auch Armut, Hungersnot oder sogar die Entführung ganzer Stämme oder Völker hatten sie erlitten.

So waren sie Sklaven gewesen, aber auch Herrscherinnen und Herrscher, und beides – das Hohe und das Tiefe – auch in fremden Ländern und bei anderen, feindlichen Völkern.

Zwischenspiel:

Ich unterbreche den Fluss: Zu viele Voraussetzungen müsste man machen, zu viele Nebengeschichten erzählen, um der gesamten Erzählung einen homogenen Fluss zu geben. Und nicht eine Fülle von Brüchen.

Angeregt durch eigene Familienerfahrung aus «früheren Tagen» (Familienfeste oder grosse Familienbegegnungen hatten nicht selten 60 bis 90 Teilnehmer aus drei bis vier Generationen) sowie jüdischen Erzählern zeichne, eher: skizziere ich das Bild einer Grossfamilie, die sich zum Teil seit Jahren nicht mehr gesehen hatte und nun in oder um das antike Bethlehem versammelte.

Solch eine grosse Herberge oder Pferdewechselstation («mansio» im Lateinischen) gabe es vermutlich nicht im antiken Bethlehem. Aber – wie bei uns in den Alpen die «Gaschtere», die Sammelschlafplötze für Gäste – gab es in grösseren orientalischen Häusern Obergemächer, die Reisenden oder familiären Gästen zur Verfügung gestellt wurden.

Noch meine Grosseltern hatten – in unseren Gefilden – solch ein grosses Grundstück erworben und ein Haus darauf gebaut. Es gab eine ergiebige, eigene Quelle (mit eigenem Pool) und einen eigenen Obstbau zur Eigenversorgung oder zum Tauschhandel. Auf in den italienischen Abruzzen, bei der Familie eines Freundes, habe ich das nochmals erlebt.

Waren dann einmal «alle» zusammen (wer eben da sein konnte), dann wurde so gut es ging gemeinsam gegessen, getrunken, gesungen – und es wurden die Familiendinge besprochen: Ehen, Kinder, Rechtshändel oder Ausbildungsgänge.

Bei dem nun folgenden Bild gehe ich davon aus, dass es auch zu biblischen Zeiten nur wenig anders war.

Ich gehe auch davon aus, dass man «altes» Familiengut bewahrte, so wie man das heute in der Schweiz oder Italien noch tut. Unzählige ehemals mittelalterlisch oder frühneuzeitliche Anwesen zeugen davon.

Ich fingiere in all dem, dass sich die aus davidischem Ursprung herleitende Familie des galiläischen Zimmermanns Joseph auf Grundstücken bewegen kann, die noch aus vordavidischer Zeit, konkret auf den Besitz desjenigen Boas zurückgeht, der im alttestamentarischen Buch «Ruth» erwähnt wird. Die Häuser, in denen sie sich aufhalten könnten aus nachexilischer Zeit stammen, auch weil Bethlehem mehrfach zerstört und wieder neu aufgebaut wurde, also ca. 400 bis 500 Jahre alt sein.

Das klingt ein wenig gewagt, aber «es könnte wahr sein»… ein Kennzeichen vieler spannender Erzählungen. Zumindest darf gelten: «se non è vero e molto ben trovato», «wenn es schon nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden».

Und so geht unser Blick für eine Weile weg vom «grossen Weltgeschehen» zuerst in ein Land, das nur kurz vor dem Kern der Erzählung römische Provinz geworden war und hin zu einer Familie, die schon lange ihre gesellschaftliche Bedeutung verloren hatte.

Herrscher von alters her

Als nun der erste sich so erhaben fühlende Kaiser «seine» grosse Volkszählung in seinem Riesenreich, das er sich erworben hatte, machen liess, war es auch einem kleinen Stamm am Rand des östlichen Mare Mediterraneum so ergangen, und die seit rund drei Jahrhunderten immer bedeutungsloser werdenden Familien hatten sich in ihren Dörfern und Häusern versammelt.

Heute wieder als Erinnerungsmahnmal aufgebaut: Eine Gedenkkirche in der Nähe von Bethlehem

Schwierige Schicksale einzelner Familienmitglieder trafen sich nun – neben «frohen Ereignissen» und schönen Berichten – für Wochen auf oft engstem Raum in den «Obergemächern», den Gaststuben, die die meisten Häuser der alten Zeiten noch hatten. Meist ohne Vieh war man angereist. Und nur mit dem Nötigsten für die Reise ausgestattet, traf man sich auf diesen seltsamen von Kargheit geprägten Reisen.

Und an den langen Abenden, traf man sich und hörte den Erzählungen zu, den wahren und bisweilen auch erfundenen Geschichten aus der familiären Vergangenheit.

Und bei der Familie, um die es mir hier geht, erzählte man sich oft von der zu ganz alten Zeiten noch royalen Vergangenheit, von den grossen Königen und dem langsamen Verfall von Sitte und Gebräuchen, von Religion und Anstand.

Man erwähnte Vertreibung und Rückkehr, und das langsame Aufkommen der griechischen Sprache als zweiter nach dem Hebräischen und Aramäischen. Das Latein der Oberschicht war und blieb vielen fremd.

Zwischenspiel

Es ist nun Zeit für die dritte Verengung des Blickwinkels: Die wichtigen Personen treten nun langsam als Individuen hervor. Dass ihre Namen gleichsam im Hintergrund blieben, eröffnet die Möglichkeit, dass ihre Situation, ihre gesellschaftliche und private Lage, anfangs noch mehr in den Vordergrund treten konnten.

Dass ihre wirkliche Lage – die Weissagung, welche die junge Frau vor rund einem halben Jahr erhalten hatte, und die schon sehr weit fortgeschrittene Schwangerschaft – zunächst verschleiert blieb, ist dann eine glaubhafte Annahme, wenn man die erste Schwangerschaft sehr junger Frauen schon einmal erlebt hat. – Auch hier gilt die erzählerische Annahme: «Stelle Dir vor, es wäre so gewesen»…

Die Enge, die drohende Schande in der Familie, der unbedingte Wunsch nach Intimität, all das könnten sehr wohl «Treiber» der wirklichen Geschehnisse an der Zeitenwende gewesen sein.

Königliche Eltern

An den langen Abenden, wenn alle Besorgungen gemacht waren, lernte man sich nun innerhalb der Familien wieder besser kennen; Man füllte Erinnerungslücken, erfragte die neuesten Dinge und diskutierte über zukünftige Pläne.

Und so rückte auch langsam der aus Galiläa angereiste, schon sichtbar gereifte Zimmermann, ein Sohn des Jakobs, der noch eine Zeitlang in Bethlehem gelebt hatte, mit seiner auffallend jungen Verlobten immer mehr in den Vordergrund.

Dies auch, weil aufgrund seiner Erzählungen immer klarer wurde, dass er von eben einer dieser ehemals regierenden, königlichen Familien-Linien abstammte, auf die sich alle immer wieder beriefen. Der Zimmermann also, der bis heute als einfacher Baumeister arbeitete.

Er war ein Mann geworden, der wusste, wie man auch in einfachsten Verhältnissen ein Gebäude errichtete. Er war kräftig und zu verlässig, gottesfürchtig und arbeitsam, aber im Grunde schweigsam, und fast ein wenig geheimnisvoll.

Doch immer wieder wurden die Erzählungen über die Geschichte der Familie auch mit hochgezogenen Augenbrauen weitergegeben, etwa weil ausländische Frauen wichtige Positionen in der Familienhierarchie besetzt hatten. Oder weil, in einem anderen Fall, sogar eine Prostituierte aus einem fremden Volk zur Stammmutter eines ganzen Familienzweiges geworden war.

Doch das war alles, wie man so schön, «alte Zeiten». Die Ankunft und intrigenreiche Herrschaft der Römer hatte das Angesicht der Welt verändert, und man sprach offen aus, dass die Kultur der Familie – wie auch des ganzen Volkes – in äusserstem Kontrast zu der Art von Fremdherrschaft stand, die sie gerade alle erlebten.

Nach und nach kam dann aber im Laufe langer Abende auch ans Licht, dass auch die blutjunge Verlobte des Zimmermanns aus Galiläa auch einer dieser königlichen Linien stammte, aus einer weiblichen Linie sozusagen. Und sie geriet – fast gegen ihren Willen – ins Zentrum der Aufmerksamkeit als sie – wie aus Versehen – über die Ereignisse berichtete, die sich zugetragen hatte, als sie noch vor einem halben Jahr eine Verwandte in der Nähe der grossen Tempelstadt besucht hatte. Doch die junge Frau verschwieg dabei einen sehr wichtigen Teil der damaligen Ereignisse.

Was niemand wirklich wusste, aber dann doch einige mehr spürten oder ahnten als sie es sahen, war, dass das halberwachsene Mädchen schwanger war, hochschwanger sogar. Bahnte sich ein Skandal an?

Denn der Zimmerman, der sie ja noch gar nicht öffentlich geheiratet, sondern lediglich in seinen kleinen Haushalt aufgenommen hatte, damit sie keine öffentliche Schande erlitt, hatte dies um ihretwillen verschleiert, so gut es eben ging.

Und auf der Reise war das kein Problem gewesen, da niemand nachgefragt hatte. In der Enge der familiären Unterkunft aber war das nicht mehr zu verschleiern.

Der Wachturm

Das Versteckspiel ging so lange gut, bis die beiden plötzlich verschwunden waren. Einfach weg. Ohne ein Wort.

Sie wollten jetzt einfach alleine sein. Klammheimlich hatten sie ihr mitgebrachtes Eselchen mit dem Notwendigsten gesattelt, banden es los und gingen, den geschlossenen Ort verlassend, langsam in die Nacht hinaus, in Richtung eines hohen Wachturms. Zuerst das Kind, dachten beide. Und sie mühten sich hinaus zu den Weidehäusern, weit vor dem Ort. Aber sie wussten nicht, wann es genau kommen würde.

In einem früheren Ortsteil, der Efrata heisst, fanden sie einen anscheinend verlassenen Wachturm mit einem danebenliegenden Stall, oder eher mit einer Höhle, die einseitig überdacht war und eine löchrige Tür besass.

Sie wussten, dass dies von alters her ein Geburtsstall für Lämmer gewesen, jetzt aber verlassen war. Herden-Turm, hiess das Wachthaus, in ihrer Sprache «Migdal-Eder». Eigentlich war es in den Jahrzehnten vor dem Bau des ersten Tempels in der grossen Tempelstadt, die man von hier aus in rund zwei Stunden zu Fuss erreichen konnte, ein militärischer Wachturm gewesen, mit Schutzöffnungen, die Beschuss und Verteidigung erlaubten.

Spätestens seit der Entführung ihres Volkes aber vor mehreren hundert Jahren und dem Bau des zweiten Tempels nach ihrer Heimkehr diente der Turm und die umliegenden Weiden dem Opferbetrieb im Tempel. Und dies besonders zu dem grossen Befreiungsfest, das sie alljährlich feierten.

Tausende junger Lämmer weidete man daher in der Gegend des Turmes, um sie dann am Opferfest im Tempel feierlich darzubringen. Das gesamte Volk sollte damit entsühnt, von Schuld befreit, und wieder rein werden vor ihrem Gott.

Es war aber eine Ihrer Vorschriften, dass die dafür vorgesehenen Lämmer von ihrer Geburt an ohne einen Fehler, ohne eine Schramme und ohne Verletzungen aufgezogen wurden. Dafür hatte man, zum Bewachen und Versorgen der Lämmer, eine grosse Gruppe Priester abgestellt, die jedes einzelne neugeborene Lamm auf ihren Arm nahmen und es in seinen ersten hilflosen Stunden, wenn es nur herumstakste und Gefahr lief verletzt zu werden, auf den Arm nahmen und hinwegtrugen. Die ersten Stunden wickelten diese verantwortlichen Hirten die kleinen Lämmer dann in eine Art Windel, in ein Stofftuch, das man später wieder wachen konnte, und legten es für eine gewisse Zeit in einen Futtertrog, bis es ein wenig zu Kräften gekommen war.

Das war seit langem der Brauch.

Die Niederkunft

Jospeh, so hiess der Zimmermann, war wesentlich älter als seine hochschwangere Verlobte Miriam, und er hatte sehr mit sich gerungen, das Mädchen Miriam, die gerade erst eine Frau geworden war, zu sich zu nehmen. Er mochte sie von Herzen und wollte nicht, dass sie in Schande fiel.

So ging der ungewöhnliche kleine Haushalt, samt dem Nichts ihres geringen Reisegepäcks, aus dem inneren des uralten Ortes, in dem sich Josephs Familie aufhielt.

Für Miriam war die Aufregung und die Anstrengung zu viel, und sie konnte -als sie einmal an der dem Wachturm nächstgelegenen Höhle angekommen waren, nicht mehr weiter. Sie legte sich ins Stroh, Joseph schloss die zugige Pforte des behelfsmässigen Stalles, nun setzen auch schon die Wehen heftig ein.

Noch in der Nacht gebar Miriam einen Sohn. Sie wickelten ihn in einfache Tücher, solche, die man auch für die kleinen Lämmer verwendete, die gerade neugeboren waren. Und sie legten ihn in einen der Futtertröge, die man sonst die neugeborenen Schafe für das Tempelopfer legte.

Für einige Stunden konnte man im Dunkeln kaum unterscheiden, ob in dem Trog ein Opferlamm oder der lammfromme Sohn von Menschen lag.

Bei den Hürden

Draussen, ein recht weites Stück des Wegs in Richtung der grossen Tempelstadt, lagen aber auch die Hirten der priesterlichen Familien auf die Niederkunft der ersten Lämmer der hochschwangeren Schafe. Sofort nach der Geburt wollten sie ja die Lämmchen aufnehmen, in Windeltücher wickeln und in die verschiedenen Futtertröge legen.

Und so blieben sie alle, in Schichten auf der Weide schlafend, diese ganze Nach wach.

Die Erscheinung

Die erste und zweite Schicht der Hirten hatten sich schon einige Zeit schlafen gelegt, und die dritte Schicht starrte müde in den mitternächtlichen Sternenhimmel.

Alles war still, und fast wären sie ebenfalls eingeschlafen.

Da begann ein Summen und sanftes Klingen die nächtliche Luft zu erfüllen, und irgendwo hinter einem der unzähligen Sterne wurde es mitten in der Nacht zunehmend heller. Den Hirten war, als hörten sie Stimmen, und sie glaubten zuerst sie hätten einen Wachtraum.

Doch dann schwoll ein Chor von Stimmen an, und ihnen schien als erschienen Gestalten am Himmel, die sangen und sagen und sangen, zuerst leise, dann immer lauter und schliesslich fast ohrenbetäubend.

Wie verzaubert, aber auch ins Mark erschreckt, sprangen schliesslich auch die bislang schlafenden Hirten auf, denn sie konnten sich dem Gesang in dem immer heller über ihnen erstrahlenden Licht nicht mehr entziehen. «Frieden, Frieden, Frieden», hörten sie die Stimmen singen.

Den Hirten, die fast zu Boden gesunken waren vor Furcht und Schrecken, wandte sich dann eine Gestalt zu, die aus dem Licht trat und ihnen eine Erklärung und einen Auftrag zu geben schien: Es sei soeben eine Gestalt zur Welt gekommen, die für alle Menschen eine unendliche Erleichterung verschaffen würde und sehr grossen Frieden. Ganz bei Ihnen in der Nähe, sei es, sie sollten einfach zu ihrem Herdenwachturm gehen, zum Zentrum ihrer Ställe.

Und dies sei das Zeichen, der Beweis, dass diese Rede keine Illusion wäre: Sie würden das Kind, diesen Erlöser-König, wie die Gestalt sie nannte, finden wie eines ihrer kleinen Lämmchen: In Windeln gewickelt in einem Futtertrog.

Sie könnten es gar nicht verfehlen.

Die Wende

An Schlaf war gar nicht mehr zu denken, und während die Hirten sich nun gemeinsam besprachen, verschwand zuerst die Gestalt, dann das Licht und dann die Musik und der Gesang. Alles schien wie zuvor.

Doch die Hirten beschlossen, nun alles liegen und stehen zu lassen, und sie rannten zum Wachturm über die Herden.

Als die Männer und Wächter über die Opferschafe eintrafen, fanden sie in der Höhle neben dem Wachturm ein etwas ungleiches übermüdetes Paar, einen kleinen, angebundenen Esel, einige blutgetränkte Tücher…

… und in dem Futtertrog, in dem sie sonst selbst ein Lämmchen hineingelegt hatten, lag ein neugeborenes Kind in Windeln.

Der Rest ist Weltgeschichte.

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